Originaltext: Alois Kölbl

[ ... ] Auf diesen barocken Kosmos reagiert die Künstlerin Elke Maier. Sie entwickelt aus den theatralischen Gesten der Figuren auf den Altären heraus ein feines Liniengeflecht, schafft Blickachsen, ent-birgt viel mehr als die feinen Garnfäden-Geflechte zu verbergen vermögen.

Eine kristalline, in der Formgenese zunächst sehr analytische und direkt aus der Modellierung der Figuren herauswachsende Linienstruktur entsteht, die an manchen stellen kokonartig zuwächst. wie die barocke Vergoldung das wechselnde Spiel des Lichtes zu einem integralen skulpturalen Faktor macht, die Körper ent-schwert und einem anderen Seins-Bereich zuweist, so fängt sich auch in den Verwebungen das Licht, bildet neue Licht- und Schattenzonen, eröffnet neue Einblicke und verbirgt geheimnisvoll hinter zarten Garnschleiern. Der klar und symmetrisch aufgebaute Architekturrahmen gerät aus dem Gleichgewicht und wird gleichzeitig neu zusammengebunden. Eine nebelartige Horizontlinie legt sich vor die zentrale Altartafel, in der sich Himmels- und Erden-Bewohner begegnen; und was auf den ersten Blick wie die Fäden eines Marionetten- theaters erscheint, erweist sich bei näherer Betrachtung als subtile Vernetzung der irdischen und himmlischen Zone: die Engel auf den Gesimsen über den Säulen werden zu "Fädenziehern", die die Heiligenfiguren ohne physische Kraftanstrengung an hauchdünnem Garn in den Himmel "erheben". Transformation barocker Theatralik durch Visualisierung und Materialisierung von Kraft-, Blick- und Handlungslinien.

Es ist aber nicht nur die figurale Tektonik, die die Künstlerin weiterspinnt und transformiert, sie knüpft auch unmittelbar an barockem Pathos an, wenn sie etwa den tieftraurigen und von Weltschmerz getrübten Blick der Märtyrerin Barbara einhüllt und durch spärliche Einblicke durch die Waben-artige Umhüllung intensiviert. Die emotionale Last zieht so die Figur nicht mehr nach unten, sondern verwebt sie mit dem oberen Bereich und lässt sie gleichzeitig in dem Kokon ihre Verwandlung erwarten. [ ... ] 

MMag. Alois Kölbl                                                                                                                    Lehrbeauftragter für Christliche Kunst und Hymnologie, Kath.-Theol. Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz 

aus dem Katalog: Reinhard Hoeps, Alois Kölbl, Eleonora Louis, Johannes Rauchenberger (Hgg.): Himmelschwer. Transformationen der Schwerkraft Wilhelm Fink Verlag, München 2003                                       Alois Kölbl. Im Barocken Theater zwischen Himmel und Erde, S.106-107