Ein Tag in tausend Jahren                                                                                                   Rauminstallation in der Stiftskirche Wilten von Elke Maier und Georg Planer 

Originaltext: Gerhard Larcher, Univ. Prof. Dr.   Leiter des Instituts für Fundamentaltheologie an der Karl-Franzens Universität Graz

aus dem Katalog: Larcher, Gerhard (Hg.) für Kunstraum Kirche: Elke Maier und Georg Planer                                                    Ästhetische Form und Sakralraum - Künstlerische Interventionen. Dom zu St. Jakob / Stiftskirche Wilten Innsbruck 2006


"Mit bloßen Händen" formte Georg Planer in den Tiefen des offenen Erdbodens der Stiftskirche lebensgroße, menschliche Körper aus Erde. Seine am "Rücken liegenden, mit dem Gesicht zum Himmel schauenden" Erdmenschen wirken archaisch und lebendig zugleich, als könnten sie sich aus der Erde, aus der sie geschaffen sind, erheben und gleichzeitig wieder in sie eintauchen. Auf gleicher Ebene mit den Erdfiguren "schweben" über dem tieferliegenden Boden der freigelegten Apsis drei einzelne, lebensgroße archaische Gestalten scheinbar schwerelos im Raum.

Aus jedem der Erdmenschen am Boden "erwachsen" bzw. "entspringen" Lichtstrahlen aus hauchdünnen, von Elke Maier gespannten weißen Fäden, die den gesamten Kirchenraum durchwirken. Von ganz oben reichen diese "Lichtstrahlen" bis hinunter in die Tiefe, wo die Gräber liegen: auf diesen bisher unsichtbaren Raum, der erst durch die archäologischen Grabungen freigelegt wurde, strahlte erstmals das ́himmlische ́ Licht. Mehrere tausend Meter feinstes weißes Seidengarn hat die Künstlerin Elke Maier für dieses Projekt in der Stiftskirche Wilten verwoben.

Univ. Prof. Dr. Gerhard Larcher   Director of the Institute of Fundamental Theology at the Karl-Franzens Universität Graz

                                                                                                              

Elke Maier and Georg Planer have developed a thorough elaborate concept, whose first section was implemented at the beginning of 2006 in the Collegiate Church in the middle of the nearly 2000-year history of this place, which has been brought to the light by the archaeologists, before the excavation site had to be filled from mid-January probably for centuries back.

"With bare hands" shaped Georg Planer in the depths of the opened ground of the collegiate church life-size human bodies of earth. His figures of earth, lying on the back and their faces looking to the sky, seem archaic and alive at the same time, as if they could rise up from the earth, of which they are created, and simultaneously plunge back into it / re-immerse in it.

At the same level with the earth-figures three individual life-size archaic figures seems to be levitating weightlessly above the lower base of the disclosed apse.

From each of the earth-people on the ground arise or spring / originate light beams, consisting of very thin white threads - tensioned by Elke Maier - which pervade / interweave the whole church.

These rays of light reach from the top down to the depths, where the graves are: on this previously invisible space, which was not bared / lied open before the archaeological excavations, the heavenly light shone for the first time.

The artist Elke Maier has woven several thousand meters of finest white silk yarn for this artistic project in the Collegiate Church of the monastery Wilten.

Eine temporäre künstlerische Installation von Elke Maier im Dom zu St. Jakob in Innsbruck 2005

Originaltext: Univ. Prof. Dr. Gerhard Larcher  Leiter des Instituts für Fundamentaltheologie an der Karl Franzens Universität Graz

aus dem Katalog: Larcher, Gerhard (Hg.) für Kunstraum Kirche: Elke Maier und Georg Planer                                     Ästhetische Form und Sakralraum - Künstlerische Interventionen. Dom zu St. Jakob / Stiftskirche Wilten Innsbruck 2006

Für den Aschermittwoch 2005 und die nachfolgende österliche Bußzeit hatte die aus Bayern stammende Künstlerin Elke Maier auf Initiative des Arbeitskreises Kunstraum Kirche und des Dompropstes Dr. Florian Huber eine temporäre raumgreifende Installation geschaffen. Über die gesamte Breite des Domes hinweg (17m) in einer Höhe von 3-7 m hat sie in einer unerhörten, ebenso aszetischen wie ästhetischen Anstrengung haarfeinstes weißes Seidengarn (ca. 60.000 m) zwischen den Säulen der Seitenaltäre verspannt. Da sie immer nur mit einem einzelnen 'unendlich'- Faden von Säule zu Säule gehen konnte, dauerte es rund 200 Stunden bis sie ihre Arbeit vollendet hatte: sie selbst spricht von einer 'entschleunigten' Annäherung an das Allerheiligste, die sie an das Wort Goethes erinnert: "Willst Du ins Unendliche schreiten, so geh' nur im Endlichen nach allen Seiten!"

Wie für eine visuelle Fastenzeit legt sich ein leichter, unaufdringlicher Schleier quer durch den barocken Dom, schwebt ein ikonoklastischer Hauch über den Fresken, Bildern und Skulpturen, über den sinnenfrohen Materialien, Farben und Formen. Zugleich aber erfolgt durch diese feinsten Fäden im spirituell dichten, liturgischen Raum ein subtiler symbolischer Verweis auf die erhoffte Anwesenheit der Herrlichkeit Gottes. Die symbolische Dichte der insgesamt acht Garnbahnen lässt paradoxerweise die Bildwerke, Fresken, Skulpturen in ihrem Eigengewicht umso stärker hervortreten und wahrnehmen. Vom einfallenden licht evoziert scheint der Glanz der Herrlichkeit (Kabod) wie in einer Wolke über der versammelten Gemeinde zu lasten - das 'Gewicht der Gnade', 'Himmelschwer'1- Gott 'thronend' auf den Lobgesängen seines Volkes. Seine Herrlichkeit blitzt auf, manifestiert sich in den Beziehungen zwischen Gott und Mensch und zwischen den Menschen (alle Glaubensaussagen sind ja Kommunikationsaussagen). Die feinen Fäden im Raum symbolisieren solche Interaktionen, vor allem von Kirche als Beziehungsraum einer Gemeinde.

Elke Maier hat ihr Werk, das Schritt für Schritt den Übergang zwischen Nähe und Ferne reflektiert, vom Eingang zum Altar hin entwickelt; deshalb gewinnt es auch gerade in der Öffnung auf das Ganze hin an Dichte.

Es handelt sich so nicht um eine punktuelle Intervention, sondern um eine Entwicklung des Werkes von Anfang an im kontinuierlichen Dialog mit dem Raum, wobei die Form des Kunstwerkes noch die prozessuale Bewegung der Arbeit erkennen lässt.

Die weißen Fäden oszillieren zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit und treten eigentlich erst im Dialog mit dem (Sonnen)licht in Erscheinung.

"Ich denke Form nicht als Grenze" - so expliziert die Künstlerin ihre ästhetischen Grundsätze - "sondern als Prozess, als den Niederschlag von Spuren einer Bewegung im Raum. Gestalt und Raum bilden keine entgegengesetzte Polarität, sondern ein Kontinuum beide gleichermaßen durchwirkender Bewegungen, die sich im Übergang von einem zum anderen vollziehen und sich als Verwandlung vollziehen müssen" (Elke Maier).

Das schwebende der barocken virtuellen Räume und ihrer künstlerischen Ausstattung wird durch das Schweben der Fäden unterstrichen und zugleich in eine ruhige Horizontale gebracht, welche die latent vorhandene Geometrie des Raumes noch besser hervortreten lässt.

Das Kunstwerk ist für die Künstlerin nicht einfach verfügbares Objekt, sondern begegnet von sich her prozesshaft, scheint unverfügbar auf (Apparition).

"Indem der Betrachter nach vorne schreitet und sich in seinem Blick der Horizont mit jedem Schritt verändert, kann er sich selbst "im Übergang erleben als ein Moment innerhalb universeller Bewegungen, die - von sehr weit her kommend - durch uns selbst hindurch gehen und nun ihren Spuren in uns begegnen". (Elke Maier)

1 gleichnamige Ausstellung, u.a. mit Elke Maier, im Grazer Kulturhauptstadtjahr 2003 (Kuratoren: J. Rauchenberger, A. Kölbl u.a.)

Univ. Prof. Dr. Gerhard Larcher   


Temporary Art Installation by Elke Maier in Saint Jacob's Cathedral in Innsbruck 2005

For five years now, the "Ash Wednesday of artists" is centrally organized / hosted / staged in St. Jacob's Cathedral in Innsbruck, whereby (usually) a work of visual art during Lent responds to the spatial conception of the cathedral.

For Ash Wednesday 2005 and the subsequent Lent, the artist, a native of Bavaria, had created a contemporary large-scale installation, on the initiative of the Working Group KunstRaumKirche and the dean of the cathedral Dr. Florian Huber.

She spanned hair-finest white silk yarn (60,000 m) between the columns of the side altars across the entire width of the dome (17 m) at a height of 3-7 m, with an enormous, unprecedented equally ascetic and aesthetic effort. As she had to go again and yet again with a single endless thread from column to column, it took her about 200 hours to complete her work: she speaks of a "decelerated" approach to the most holy place, which recalls / is reminiscent of / is evocative of the words of Goethe: "Do you want to proceed to infinity / ad infinitum, go only in all directions in the finitude / ad finitum!"

As for visual Lent, a tinge of haze / a whiff of scent lies across the baroque cathedral, an iconoclastic breath hovers / hangs over the frescoes, paintings and sculptures, over the sensuous materials, colors and shapes.

At the same time these fine threads effect a subtle symbolic link / hint to the expected presence of the glory of God in the spiritually dense liturgical space.

The symbolic density of the eight panels of yarn throws paradoxically the pictures, frescoes, sculptures all the more into sharp relief and causes them to be perceived all the more significant and important.

Evoked by the incident light, the magnificence / splendor of the glory (Kabod) seems to weigh as a cloud on the congregation of the parish - the grave of grace, as heavy as the sky ("Himmelschwer')* God is enthroned on the praises of his people.

His glory lights up and manifests itself / appears in the relationship between God and man and between the people (all statements of faith are indeed communication statements).

The fine threads in the room symbolize such interactions, especially of Church as a relationship-space of a community.

Elke Maier has developed her artwork, reflecting step by step the gradual transition / passage from near / nearness / proximity / vicinity / contiguity /contiguousness to far / distance, from the entrance to the altar; therefore, it is gaining density just by opening itself towards the entirety / whole / total [the totality].

Therefore, this is not a punctual intervention, but a development of the work (from the very beginning) in a continuous dialogue with the space, the shape of the artwork still indicates / is indicative of [showing] / makes realize the progressive process of its development / processual progression of its origination process (morphogenesis)

The white threads oscillate between visibility and invisibility and emerge / are in evidence / make an appearance really only in dialogue with the sunlight.

"I conceive / perceive / comprehend form/design not as an ultimate boundary, but as a process, the manifestation/reflection of traces of a movement in the space. Artistic form and space do not form a contradictory polarity / are not two opposite poles, but rather a continuum of both equally interpenetrating / transgressing / interweaving movements of light, which transition from the one into the other / merge into each other (one another) and which have to perform a continuous metamorphosis / occur as a transformation" - in this way the artist explicates her aesthetic principles.

The hovering of the baroque virtual spaces and their artistic decoration is emphasized by the hovering of the threads and at the same moment brought in a quiescent Horizontal, whereby the latent geometry of space is reinforced /intensified even more.

The artwork is not just an available object, but appears by itself (apparition), processual, unavailable, inaccessible [beyond human influence], sacrosanct [exempt from man's command].

"The viewer, proceeding forward and eyeing / having in his sights the horizon, which changes step by step, experiences / apperceives himself in transition, as one moment of universal movements, which - coming from very far away - pass through ourselves and now meet their traces within us". (Elke Maier)

* same-titled exposition, u.a. with Elke Maier, in the year of the European Capital of Culture of Graz 2003 (curators: J. Rauchenberger, A. Kölbl u.a.)