Elke Maier, 2005: Dom zu St. Jakob, Innsbruck                                                                                Temporäre künstlerische RaumInstallation                                                                                         Aschermittwoch bis Ostersonntag 2005

Material: sehr feine weisse Nähseide (60.000 m)                                                                                           Maße: horizontal gespannt, zwischen die Säulen der Seitenaltäre über die gesamte Breite des Domes (18.33m) hinweg, von 3 m Höhe (Säulenbasis) bis zu 7 m Höhe (Säulenkapitelle) in 8 Intervallen hintereinander vom Eingang des Domes bis zum Hochaltar.


Elke Maier, 2005: St. Jacob's Cathedral Innsbruck                                                                                              Temporary Art Installation by Elke Maier                                                                                            Ash Wednesday until Easter Sunday 2005

Materials: very thin white threads of cotton yarn (60.000 m)                                                                           Extension: horizontally spanning the breadth of the cathedral (18,33 m) between the columns, from the height of 3 m (base of the columns) to 7m (head of the columns) in 8 intervals one behind the other from the entrance of the cathedral to the main altar.



Fotos, Copyright ©  Elke Maier         abgebildetes Kunstwerk, Copyright ©  Elke Maier                     

Originaltext: Gerhard Larcher

aus dem Katalog: Larcher, Gerhard (Hg.) für Kunstraum Kirche: Elke Maier und Georg Planer Ästhetische Form und Sakralraum - Künstlerische Interventionen. Dom zu St. Jakob / Stiftskirche Wilten Innsbruck 2006


Temporäre künstlerische Installation im Dom zu St. Jakob in Innsbruck durch Elke Maier


Seit fünf Jahren wird der "Aschermittwoch der Künstler" zentral im Dom zu St. Jakob in Innsbruck veranstaltet, wobei (in der Regel) mit einem Werk bildender Kunst während der Fastenzeit auf die Raumkonzeption des Domes reagiert wird.

Für den Aschermittwoch 2005 und die nachfolgende österliche Bußzeit hatte die aus Bayern stammende Künstlerin Elke Maier auf Initiative des Arbeitskreises Kunstraum Kirche und des Dompropstes Dr. Florian Huber eine temporäre raumgreifende Installation geschaffen. Über die gesamte Breite des Domes hinweg (17m) in einer Höhe von 3-7 m hat sie in einer unerhörten, ebenso aszetischen wie ästhetischen Anstrengung haarfeinstes weißes Seidengarn (ca. 60.000 m) zwischen den Säulen der Seitenaltäre verspannt. Da sie immer nur mit einem einzelnen 'unendlich'- Faden von Säule zu Säule gehen konnte, dauerte es rund 200 Stunden bis sie ihre Arbeit vollendet hatte: sie selbst spricht von einer 'entschleunigten' Annäherung an das Allerheiligste, die sie an das Wort Goethes erinnert: "Willst Du ins Unendliche schreiten, so geh' nur im Endlichen nach allen Seiten!"

Wie für eine visuelle Fastenzeit legt sich ein leichter, unaufdringlicher Schleier quer durch den barocken Dom, schwebt ein ikonoklastischer Hauch über den Fresken, Bildern und Skulpturen, über den sinnenfrohen Materialien, Farben und Formen. Zugleich aber erfolgt durch diese feinsten Fäden im spirituell dichten, liturgischen Raum ein subtiler symbolischer Verweis auf die erhoffte Anwesenheit der Herrlichkeit Gottes. Die symbolische Dichte der insgesamt acht Garnbahnen lässt paradoxerweise die Bildwerke, Fresken, Skulpturen in ihrem Eigengewicht umso stärker hervortreten und wahrnehmen. Vom einfallenden licht evoziert scheint der Glanz der Herrlichkeit (Kabod) wie in einer Wolke über der versammelten Gemeinde zu lasten - das 'Gewicht der Gnade', 'Himmelschwer'1- Gott 'thronend' auf den Lobgesängen seines Volkes. Seine Herrlichkeit blitzt auf, manifestiert sich in den Beziehungen zwischen Gott und Mensch und zwischen den Menschen (alle Glaubensaussagen sind ja Kommunikationsaussagen). Die feinen Fäden im Raum symbolisieren solche Interaktionen, vor allem von Kirche als Beziehungsraum einer Gemeinde.

Elke Maier hat ihr Werk, das Schritt für Schritt den Übergang zwischen Nähe und Ferne reflektiert, vom Eingang zum Altar hin entwickelt; deshalb gewinnt es auch gerade in der Öffnung auf das Ganze hin an Dichte.

Es handelt sich so nicht um eine punktuelle Intervention, sondern um eine Entwicklung des Werkes von Anfang an im kontinuierlichen Dialog mit dem Raum, wobei die Form des Kunstwerkes noch die prozessuale Bewegung der Arbeit erkennen lässt.

Die weißen Fäden oszillieren zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit und treten eigentlich erst im Dialog mit dem (Sonnen)licht in Erscheinung.

"Ich denke Form nicht als Grenze" - so expliziert die Künstlerin ihre ästhetischen Grundsätze - "sondern als Prozess, als den Niederschlag von Spuren einer Bewegung im Raum. Gestalt und Raum bilden keine entgegengesetzte Polarität, sondern ein Kontinuum beide gleichermaßen durchwirkender Bewegungen, die sich im Übergang von einem zum anderen vollziehen und sich als Verwandlung vollziehen müssen" (Elke Maier).

Das schwebende der barocken virtuellen Räume und ihrer künstlerischen Ausstattung wird durch das Schweben der Fäden unterstrichen und zugleich in eine ruhige Horizontale gebracht, welche die latent vorhandene Geometrie des Raumes noch besser hervortreten lässt.

Das Kunstwerk ist für die Künstlerin nicht einfach verfügbares Objekt, sondern begegnet von sich her prozesshaft, scheint unverfügbar auf (Apparition).

Indem der Betrachter nach vorne schreitet und sich in seinem Blick der Horizont mit jedem Schritt verändert, kann er sich selbst "im Übergang erleben als ein Moment innerhalb universeller Bewegungen, die - von sehr weit her kommend - durch uns selbst hindurch gehen und nun ihren Spuren in uns begegnen".  (Elke Maier)

1 gleichnamige Ausstellung, u.a. mit Elke Maier, im Grazer Kulturhauptstadtjahr 2003 (Kuratoren: J. Rauchenberger, A. Kölbl u.a.

Univ. Prof. Dr. Gerhard Larcher
Leiter des Instituts für Fundamentaltheologie an der Karl Franzens Universität Graz


aus dem Katalog: Larcher, Gerhard (Hg.) für Kunstraum Kirche: Elke Maier und Georg Planer           Ästhetische Form und Sakralraum - Künstlerische Interventionen. Dom zu St. Jakob / Stiftskirche Wilten Innsbruck 2006