Evang.-Luth. Stadtpfarrkirche St. Stephan in Lindau am Bodensee

Temporäre Künstlerische Installation durch Elke Maier
Kirche St. Stephan in Lindau (D) 

Marktplatz 8, 88131 Lindau am Bodensee, Deutschland                                                 Ausstellungsdauer: 8. April bis 5. November 2017                                                           Öffnungszeiten: täglich von 8-18 Uhr


Eröffnungsrede, Jean-Pierre Barraud

zur künstlerischen Installation Zwischen uns durch Elke Maier                                                             in der Stadtpfarrkirche St. Stephan Lindau am Bodensee


Meine sehr verehrten Damen und Herren, 

die Evang.-Luth. Kirchengemeinde St. Stephan in Lindau eröffnet heute eine Rauminstallation zum Reformationsjahr 2017. 500 Jahre ist es her, dass die Veröffentlichung der 95 Thesen zur Reformation der Kirche geführt hat. Das ist im ganzen Land Anlass genug zu feiern und sich daran zu erinnern. 

Nicht gerade bescheiden, wie Sie dass in Lindau tun. Nicht 500 Meter, auch nicht 5000 sondern gleich ca. 50000 Mehrere tausend Meter feinste Seidenfäden wurden dafür von ihnen Frau Maier in diesem Kirchenraum eingefädelt. 

Was dadurch entstanden ist, ist ein neuer, poetischer Raumeindruck - ohne ein einziges Wort. Ziemlich bezeichnend und verwunderlich für eine evangelische Kirche. Kommt man doch sonst nicht ohne das Wort aus. Anders hier in St. Stephan. 

Es wird eine andere, universelle Sprache gewählt. Die Sprache der Kunst, die den Kirchenraum durchzieht. Das Kunstwerk verweist auf die Größe des uns in St. Stephan umgebenden Raumes.

 Die Seidenfäden der Künstlerin Elke Maier loten die Weite des Ortes aus. Es geht Ihnen um die Sichtbarmachung des Unbegreiflichen. Des materiellen durch das immaterielle und umgekehrt. Dadurch eröffnen sie den Raum auch für das was von außen in ihn hereinströmt in Form des Lichtes. 

Das Licht lässt ihr Kunstwerk nicht nur in neuem und anderen Licht sehen, sondern spielt mit der Wahrnehmung. Die Anschauung ihres Kunstwerkes öffnet uns den Betrachtern die Augen für die Wechselbeziehungen zwischen dem Außen und dem Innen. Dadurch werden wir der Größe des inneren und des äußeren Raumes gewahr. 

Ihr Kunstwerk macht sichtbar und lebt gerade auch von der zeitweiligen Unsichtbarkeit.                 Ihr Kunstwerk spielt mit der Anwesenheit und Abwesenheit dessen was wir das Göttliche nennen. Ihr Werk ist greifbar und ungreifbar zugleich. Letztlich ist es ein metaphysisches Ereignis.            Eine poetische Raumbeschreibung, die beim Betrachter eine Transzendenz-Erfahrung fördert.

 Es geht Ihnen darum, sich an die feinen Übergänge zwischen dem "gerade noch da" und dem "nicht mehr Wahrnehmbaren" heranzutasten, wie Sie es beschrieben haben. Die Seidenfäden haben etwas flüchtiges und doch ist jeder einzelne Faden bewusst gesetzt. Da herrscht kein Chaos, sondern jeder Faden hat den Ort erhalten an dem er am besten zur Entfaltung gelangt. 

Da hat jemand ganze Arbeit geleistet. Viele Stunden unter Beobachtung und selbst beobachtend wie das Licht in den Raum fällt und diesen durchflutet und verändert, damit wir heute dieses Ergebnis bestaunen können. 

Ein Gedanke von Prof Dr. Gerhard Larcher, der sie bei ihrer Arbeit begleitet hat war dieser: "Es handelt sich so nicht um eine punktuelle Intervention, sondern um eine Entwicklung des Werkes von Anfang an im kontinuierlichen Dialog mit dem Raum, wobei die Form des Kunstwerkes noch die prozessuale Bewegung der Arbeit erkennen lässt." 

Frau Maier hat schon in Salzburg, Wien und z.B. Würzburg auf diese Art und Weise gearbeitet. Doch jeder Raum ist eine neue Herausforderung. So auch diese St. Stephans Kirche in Lindau. Dieses Kunstwerk in St. Stephan passt gut zu dem was im Rahmen einer Ausstellung mit dem Titel Luther reicht nicht, die in diesem Jahr durch das ganz Bayern tourt zum Ausdruck gebracht wurde: "Es muss nicht immer nur um das Wort oder um Luther gehen. Unterschiedliche sinnliche und ästhetische Erfahrungen können einen neuen Zugang zu Religion und Reformation eröffnen", wie sich der Kunstreferent der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Helmut Braun in dem Ausstellungskatalog "Luther reicht nicht - künstlerische Impulse zur ständigen Reform" geäußert hat. "Sinnliche und ästhetische Erfahrungen können einen neuen Zugang zu Religion und Reformation eröffnen."

Liebe Frau Maier,  ich denke Ihnen ist und wird das mit dieser Rauminstallation gelingen.Luther kommt dabei nicht vor. Reformation auch nicht und dennoch kann dieses Kunstwerk im Reformationsjahr 2017 durchaus mit Luther und Reformation in Verbindung gebracht werden. 

Es geht um die horizontalen und vertikalen Linien in unserem Leben, die sich kreuzen. Es geht um die Neuorientierung der Evangelischen Kirche, die transluzent bleiben möchte für das worum es Martin Luther ging. Nämlich die staunende Begegnung mit Gott inmitten dieser Welt. Ihr Kunstwerk ermöglicht eine ästhetische und sinnliche Begegnung mit dem unsichtbaren und doch vorhanden Gott. So wie ein Gottesdienst etwas sichtbar macht, was nicht da ist und doch erfahrbar ist, so gelingt es Ihnen Frau Maier uns sehnsüchtig Ausschau halten zu lassen, nach dem was erfahrbar aber nicht von unseren Augen wahrnehmbar ist. 

Ein gelingender Gottesdienst lässt uns staunend zurück etwas gehört zu haben, was kein Ohr je gehört hat. Ihr Kunstwerk lässt uns staunend zurück etwas gesehen zu haben was noch kein Auge so in der St. Stephans-Kirche gesehen hat. Kunst und Kirche, Kult und Kultur hängen auf's engste zusammen. Der Stephans-Gemeinde in Lindau ist darum ganz herzlich zu gratulieren, sich dem künstlerischen Prozess von ihnen Frau Maier für mehrere Monate, staunend, fragend und verwandelnd anzuvertrauen. 

Was hier in Lindau passiert, wird die Seh- und Denkgewohnheiten aufbrechen und somit nachhaltig wirken, auch dann wenn das Kunstwerk zwischen uns nicht mehr im Raum zu sehen sein wird.Das ist durchaus lutherisch im besten Sinne. Denn es erreicht das Innere eines Menschen. Das ist reformatorisch, denn danach ist manches anders als zuvor. Reformiert.

Wir brauchen in der Kirche solche ästhetischen und sinnlichen Erfahrungsmomente, die Kirche neu öffnen für die vielen Menschen, die die Kirchen aufsuchen. 

Sie versetzen die Menschen damit in eine staunende Suchorientierung.Es würde mich als Kunstbeauftragter im Kirchenkreis Augsburg und Schwaben, sehr freuen, wenn dies der Auftakt zu einer jährlich wiederkehrenden Schau zeitgenössischen künstlerischen Positionen in der St. Stephans-Kirche werden könnte. Sie Frau Maier, waren durch das sinnliche und ästhetische Moment ihrer prozessualen Arbeit eine Idealbesetzung um den Boden dafür mit vorzubereiten.
Ich wünsche Ihnen allen gute Gespräche und Inspirationen mit und über diese Rauinstallation von Elke Maier im Reformationsjahr 2017. 

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.

Pfarrer Jean-Pierre Barraud, Kunstbeauftragter im Kirchenkreis Augsburg


Kunst und Kirche: Einladend, fragend, verwandelnd

Als am Ende des 18. Jahrhunderts das Innere der Stephanskirche neu gestaltet wurde, standen die Verantwortlichen vor einer schwierigen Entscheidung: Zum einen war der Barock "der" Kunststil dieser Zeit. Zum anderen kam dieser Stil aus der katholischen Kirche, oft verbunden mit großen Mariengemälden und vielen Engeln an der Decke. Diese Kunstrichtung konnte also nur begrenzt in der evangelischen Kirche aufgenommen werden: In St. Stephan sind Altar, Taufstein, Kanzel und Orgelfassung im Stil des Barock; Bilder und Figuren fehlen vollständig.

Dieses Beispiel zeigt: Kirche und Kunst sind kein Widerspruch, sondern eng miteinander verbunden. Die Kunst in Europa ist aus der Kirche heraus entstanden. Viele Jahrhunderte lang war die Kunst ein Teil der kirchlichen Verkündigung. Erst nach der Reformation hat sich die Kunst von Glaubensinhalten gelöst.

Dennoch blieben und bleiben Kirche und Kunst wichtige Impulsgeber für die Gesellschaft. Sie stiften Identität und schaffen einen Freiraum für neue Gedanken. Beide stellen bei öffentlichen Irrwegen kritische Fragen und laden zur Diskussion ein. Und beide können die Gesellschaft nach Konflikten und Katastrophen versöhnen.

Deshalb wird die St. Stephanskirche in den nächsten Monaten verwandelt.                                     Eine Rauminstallation, von Elke Maier gestaltet, wird den Innenraum von St. Stephan verändern.

Die Künstlerin Elke Maier wurde 1965 in Niederbayern geboren und studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München und in Wien, danach Psychologie und Philosophie in Klagenfurt. Als Künstlerin war sie an zahlreichen Ausstellungen beteiligt, u.a. 2017 im Künstlerhaus Thurn und Taxis in Bregenz. In den vergangenen Jahren hat Elke Maier mehrfach mit Rauminstallationen Kirchen verändert, so im Würzburger Neumünster (2008), in der Kollegienkirche Salzburg (2010) und im Wiener Stephansdom (2014).

Zu ihrer Lindauer Installation "Verwandlung" schreibt Elke Maier:

Unzählige weiße Seidenfäden formieren sich zu transparenten Strahlenflächen, die sich in unterschiedlichen Neigungswinkeln zu kristallinen Räumen auffächern, sich perspektivisch überlagern, räumlich verdichten und in den ganzen Raum reichen. In der Bewegung des Lichtes verwandelt sich der Raum. Haarfeine Fäden, vom Sonnenlicht berührt, tauchen aus dem Nichts auf und verlöschen am Abend.

Zwischen Stabilität und Veränderung

Reformieren, Reformation heißt, eine Form verändern - ein neues Format geben. Und die Form ist Ausdruck für den Inhalt. So wie unsere Haltung und Mimik (zumindest teilweise) verrät, was sich innen im Herzen bewegt.

Stabilität und Veränderung - das sind zwei Pole, zwischen denen unser Leben gedeiht.

Wir brauchen Stabilität. Das sind unsere Werte, die Sozialordnung, finanzielle Sicherheiten, verlässliche Mitmenschen, ein verlässlicher Staat, Riten und Gepflogenheiten, Tradition und ein lange eingeübter Lebensstil. Stabilität ist auch ein fester Glaube - ein festes Vertrauen in die Liebesbotschaft Jesu und die Kraft des Heiligen Geistes. Ein Symbol dieser Beständigkeit sind die fest in Stein gebauten Kirchen, oft Hunderte von Jahren alt.

Und wir brauchen Veränderung. Nichts Materielles ist für die Ewigkeit. Jedes Leben währt endlich und gliedert sich in unterschiedliche Phasen. Unsere Lebenswelt ändert sich rasant. Deutliche Stichworte unserer Zeit sind u.a. Digitalisierung, Globalisierung, Wertewandel, Klimawandel, Innovation, Migration ...

Zwischen diesen Polen gedeiht unser Leben. Darum bringen wir behutsam beides zusammen: die beständige, stabile Form einer altehrwürdigen Kirche - St. Stephan - und die künstlerische Intervention im Inneren dieser Kirche. Eine Intervention, deren Sprache leichter und behutsamer nicht sein könnte. Die Intervention schmiegt sich ein, verbindet sich mit dem fest gemauerten Raum und formt ihn doch neu. Hauchdünne Fäden, der einzelne kaum sichtbar, bilden in der Summe Schwärme, Bündel und Flächen, die den Raum durchdringen und neu gliedern. So wie in unserem Leben Veränderung oft mit einem hauchdünnen Faden beginnt, der dann zum Fadenbündel wird und später vielleicht ein tragfähiges Seil. Im wechselnden Licht der Tageszeiten verändert sich das Bild. Fäden werden durch das hereinbrechende Sonnenlicht hell beleuchtet, andere verschwinden im konturlosen diffusen Licht der Tiefe des Raums. Auch das - wie in jedem einzelnen Leben: Gedankenpfade, Gefühle, Strömungen sind bisweilen unbewusst und unsichtbar. Andere liegen im Scheinwerferlicht des aktuellen Zeitgeschehens oder des aktuellen privaten Lebenswegs.

(Tilmann Wolf)

Eberhard Heuß