Das zweite Wort und das Gewebe                                                                     Himmelschwer. Transformationen der Schwerkraft                                                    Welsche Kirche, Kulturhauptstadt Graz                                                                   Temporäre künstlerische Installation durch Elke Maier                                             Aschermittwoch bis Allerheiligen 2003

Copyright, abgebildetes Werk © Elke Maier      Copyright, Fotos © Tropper, Graz

Die Künstlerin Elke Maier spinnt ein zartes Liniengeflecht aus Garnfäden von Figur zu Figur quer durch die Kirche. Die Fäden ziehen sich zwischen den Heiligenfiguren der Seitenaltäre, zu den Engelsputti des Hochaltars.

Die barocken Figuren scheinen in einen Schmetterlingskokon eingefangen zu sein. Sie bezieht ihr Linienspiel auf die ganzheitliche Raumerfahrung des Barock. Maiers Arbeit eröffnet dem zeitgenössischen Betrachter eine neue Ebene von Spiritualität.

Die barocken Formen in leuchtendem Gold werden durch die Kokons wie durch einen nebelartigen Schleier wahrgenommen. Das feinsinnige Werk geht behutsam auf den historischen Sakralraum ein und bildet im Einklang mit der barocken Formensprache eine neue Dimension der Wahrnehmung.

Im barocken Theater zwischen Himmel und Erde

(aus dem Katalog "Himmelschwer. Transformationen der Schwerkraft"                                                                 Hrsg.: Johannes Rauchenberger, Alois Kölbl u.a.)

... ] Auf diesen barocken Kosmos reagiert die Künstlerin Elke Maier. Sie entwickelt aus den theatralischen Gesten der Figuren auf den Altären heraus ein feines Liniengeflecht, schafft Blickachsen, ent-birgt viel mehr als die feinen Garnfäden-Geflechte zu verbergen vermögen.

ine kristalline, in der Formgenese zunächst sehr analytische und direkt aus der Modellierung der Figuren herauswachsende Linienstruktur entsteht, die an manchen stellen kokonartig zuwächst. wie die barocke Vergoldung das wechselnde Spiel des Lichtes zu einem integralen skulpturalen Faktor macht, die Körper ent-schwert und einem anderen Seins-Bereich zuweist, so fängt sich auch in den Verwebungen das Licht, bildet neue Licht- und Schattenzonen, eröffnet neue Einblicke und verbirgt geheimnisvoll hinter zarten Garnschleiern.

er klar und symmetrisch aufgebaute Architekturrahmen gerät aus dem Gleichgewicht und wird gleichzeitig neu zusammengebunden. Eine nebelartige Horizontlinie legt sich vor die zentrale Altartafel, in der sich Himmels- und Erden-Bewohner begegnen; und was auf den ersten Blick wie die Fäden eines Marionettentheaters erscheint, erweist sich bei näherer Betrachtung als subtile Vernetzung der irdischen und himmlischen Zone: die Engel auf den Gesimsen über den Säulen werden zu "Fädenziehern", die die Heiligenfiguren ohne physische Kraftanstrengung an hauchdünnem Garn in den Himmel "erheben". Transformation barocker Theatralik durch Visualisierung und Materialisierung von Kraft-, Blick- und Handlungslinien. Es ist aber nicht nur die figurale Tektonik, die die Künstlerin weiterspinnt und transformiert, sie knüpft auch unmittelbar an barockem Pathos an, wenn sie etwa den tieftraurigen und von Weltschmerz getrübten Blick der Märtyrerin Barbara einhüllt und durch spärliche Einblicke durch die Waben-artige Umhüllung intensiviert. Die emotionale Last zieht so die Figur nicht mehr nach unten, sondern verwebt sie mit dem oberen Bereich und lässt sie gleichzeitig in dem Kokon ihre Verwandlung erwarten. [ ... ]

Mag. Alois Kölbl    Lehrbeauftragter für Christliche Kunst und Hymnologie, Kath.-Theol. Fakultät der Karl-Franzens-Universität Graz