Elke Maier - LICHT.BLICK

Installation in der Kunstkirche Christ-König

30. März - 12. Mai 2019

Mit der Installation LICHT.BLICK der in Österreich lebenden Künstlerin Elke Maier eröffnen wir heute in Christ-König das Kunstjahr 2019. Im Rahmen ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema BLICK.PUNKT hat Elke Maier ein raumgreifendes Werk geschaffen, das auf einem ausgeprägtem Formbewusstsein basiert. Aus Sand und Baumwollgarn, einfachen Materialien aus der Alltagswelt, hat sie eine artifizielle Gestaltung von suggestiver Ästhetik entwickelt.

Die Präsentation mit einer Laufzeit von sechs Wochen widmet sich der Wechselwirkung von Sakralraum und zeitgenössischer Intervention, dem Dialog von Architektur und künstlerischer Konzeption. Unmittelbar nach dem Betreten von Christ-König sieht sich der Besucher einer im wörtlichen Sinne spannungsreichen, das gesamte Mittelschiff einnehmenden Installation gegenüber, die sich gleichsam wie auf einer Bühne darbietet. Intensiviert durch das Schauspiel des Lichtes im Raum, werden die Blicke geschärft, die Wahrnehmung und das sinnliche Erleben aktiviert.

Aus einer Sandfläche, die den leicht erhöhten hölzernen Boden völlig bedeckt, zeichnen sich bei näherer Betrachtung kreisförmig angeordnete Sandkegel reliefartig ab, die nahezu gleichmäßig verteilt sind. Aus ihnen streben unzählige weiße Garnfäden bis zur Holzdecke empor und konvergieren hier zu einem Blickpunkt. Sie loten den Raum diagonal aus und kulminieren in radialen Strahlenbündeln. Die energetische Fadenführung wirkt ambivalent, da sie sowohl eine Aufwärts- als auch eine Abwärtsrichtung impliziert, die auf dieses Kraftfeld zuläuft bzw. von dort ausstrahlt.

Am Beginn von Elke Maiers künstlerischem Vorgehen stehen analytische Studien, die eine genaue Ortserkundung einbeziehen. Erfahren im Umgang mit unterschiedlichen Innenräumen speziell mit Kirchenräumen - sie verfügt in diesem Bereich seit Jahren über eine profunde Praxis - stellt dennoch jeder Raum eine neue Herausforderung dar. Die detaillierte Kenntnis der Architektur sowie deren Lichtverhältnisse sind daher unabdingbare Voraussetzungen ihrer schöpferischen Arbeit.

Die längst leergeräumte, jetzt im zehnten Jahr als Ausstellungs- und Veranstaltungsort etablierte Kunstkirche stellt einen Idealfall dar, da sie über ein großes Raumvolumen fast ohne sakrales Inventar verfügt. Der Wandaufriss des basilikalen Typus divergiert zwischen Ost- und Westseite mit zwei- bzw. dreigeschossigem System mit Arkaden und Obergaden bzw. Arkaden, Emporen und Obergaden, somit ein äußerst reduziertes, wenngleich traditionelles Schema im abendländischen Kirchenbau variierend. Zu Beginn der 1930er Jahre im Stil der Neuen Sachlichkeit erbaut, besticht der lichte Raum durch seine klaren Formen und die helle monochrome Farbgebung. Ein zentrales Element bildet die Längsausrichtung auf den erhöhten Altarraum im Norden hin. Die in puristischem Weiß gehaltenen ungegliederten Flächen der Wandzonen unterstreichen die Weiträumigkeit. Ein sicheres Maß für Proportionen, Geradlinigkeit, aber auch effektvolle Gliederungen, etwa in den rundbogigen Arkaden, Emporen, Obergadenfenster, dem hohen Apsisbogen verleihen dem Raum eine würdevolle Schlichtheit, die sowohl geschichtliche Bezüge aufgreift als auch zeitlos wirkt.

Mit außerordentlichem Gespür, die Spezifika des historischen Bauwerks adaptierend, hat Elke Maier auf den Sakralraum mit einer spannungsgeladenen Intervention reagiert. Die Dimensionen von Länge, Breite und Höhe des Mittelschiffs bilden die Koordinaten ihrer Konzeption. Bewusst bricht sie dessen Longitudinaltendenz auf, indem sie die Ausrichtung der Fadenstrahle von der Mittelachse weg in die Diagonale verlegt, um so ein Höchstmaß an optischer Dynamik zu erzielen. Eine genaue Kenntnis der Lichtverhältnisse unterstreicht die Präferenz für die Konzentration auf die Ostseite des Kirchenraumes, denn in den Mittags- und Nachmittagsstunden, wenn das Sonnenlicht durch die Fenster scheint, lässt es die filigranen Fäden hell aufleuchten. Dann entsteht im Raum ein faszinierendes Lichtspiel mit schlaglichtartig fokussierten Bereichen und sich ständig verändernden Seherlebnissen, das auch einzelne Sandkegel aus ihrem Schattendasein aufscheinen lässt.

Durch die Kontrastierung, dem dominierenden stilistischen Prinzip der konzeptionellen Gestaltung, von Horizontale und Diagonale, von Fläche und Raum, von Form und Struktur potenziert sich die Wirkung des Gesamteindrucks. Den Beginn des installativen Aufbauprozesses bildeten kreisförmige Kreidelinien und -zeichen als Orientierungsmarkierungen auf dem Holzboden. Dann folgte die sukzessive Fixierung des Fadenstrahls von einem Segment der Decke aus: Jeder Faden ist einzeln an einer zentralen Aufhängung befestigt und von hier aus zu einem eigens ausgewählten Punkt im Kreisradius geführt worden. Daher hat jeder Faden seinen eigenen Neigungswinkel, kein Faden gleicht dem anderen in Länge und Disposition. Dann erst hat die Künstlerin Faden für Faden aufs Äußerste gespannt und verankert. Das energiegeladene Resultat lässt die handwerkliche Geschicklichkeit, die ausgefeilte und bewegungsintensive Technik nur erahnen. Anschließend erfolgte die Sandgestaltung inklusive der Aufschüttung der Sandkegel, ein ebenfalls zeitaufweniger Vorgang So lakonisch der mit wenigen Sätzen umrissene Arbeitsprozess jetzt klingen mag, so verbergen sich dahinter exakte Berechnung, ein Höchstmaß an Präzision und Professionalität, Faktoren, die für die Perfektion des Eindrucks verantwortlich sind.

Doch erst das Wechselspiel des Lichtes verwandelt die Installation in visuelles Erleben und verleiht ihr eine außergewöhnliche Wirkungsästhetik. Der Besucher wird zu eingehender Betrachtung herausgefordert, die sinnliche Wahrnehmung geschärft, die Seherfahrung erweitert. Trifft das Sonnenlicht auf das Werk, leuchten einige Partien der Fadenstrahle hell auf, reflektieren die verhaltene Koloristik des Fensterglases, sogar einzelne Fäden werden, trotz ihrer minimalistischen Struktur, materiell sichtbar. Wandert der Blick dagegen auf lichtferne Partien, ist das Auge des Betrachters nicht in der Lage, Fäden überhaupt wahrzunehmen, da der Umgebungsraum sie quasi zu nivellieren scheint. "Die weißen Fäden sind so hauchdünn, dass sie zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit oszillieren", formuliert Elke Maier diese visuelle Erfahrung. Essentielle Voraussetzung dafür sind sowohl die physische Bewegung des Betrachters im Raum als auch die Bewegung des Blickes. Den Sehprozess beschreibt die Künstlerin folgendermaßen: "Der Vorgang des Schauens, bei dem das Augenlicht als Lichtstrahl aus der Pupille hervortritt und sich auf einen bestimmten BLICK.PUNKT richtet, vollzieht sich als Prozess, der zwischen dem Sehenden und dem Gesehenem eine Verbindung schafft, die weite Entfernungen zu überwinden vermag. Indem sich der BLICK.PUNKT, also der Punkt, von dem aus etwas betrachtet wird, ständig ändert, verändert sich auch das, worauf sich jemandes Blicke richten, der BLICK.PUNKT, auf den die Sehkraft konzentriert ist. In der Bewegung - ich ergänze des Betrachters und - des Blickes verwandelt sich der Raum." Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch der programmatische Titel LICHT.BLICK der Installation.

Mit der optischen Lichterfahrung im realen Raum ist auch eine geistige Erfahrung verbunden, denn der kontemplative Charakter des Kunstwerkes sensibilisiert, affirmiert durch den sakralen Umgebungsraum, für das Empfinden von Spiritualität. Richtet das betrachtende Auge den Blick auf einen belichteten Fadenstrahl, scheint trotz materieller Wahrnehmung unversehens auch die Wahrnehmung einer nicht greifbaren übersinnlichen Kraft auf, die das menschliche Fassungsvermögen übersteigt. Ausgehend vom materiellen Sand des Bodens spannen die hoch aufstrebenden Fäden Strahlen zur immateriellen geistigen Sphäre auf und verbinden so Erde und Himmel. Die dem Raum genuin eingeschriebene Dimension des Transzendenten erfährt durch das Lichtspiel eine signifikante Transformation und Akzentuierung von sublimer Qualität. Elke Maier beschreibt diese Erfahrung so: "Ich sehe das Besondere meiner Raumintervention darin, dass die Fäden optisch in den Boden (Sandrelief) eindringen wie bei einem Baum, dessen Gestalt sich unterirdisch (für uns unsichtbar) als Wurzel fortbildet. Wenn wir in der Fadenintervention - natürlich nur in unserer Vorstellung! - stehen, befinden wir uns genau am Horizont, wo die sichtbare Dimension in die unsichtbare Dimension übergeht. So spannt die künstlerische Installation im ganz konkreten, realen Raum einen visuellen / imaginären Raum auf, der weit über diesen hinausweist. Die künstlerische Installation hat selbst keine Grenze und schafft so innerhalb der Raumgrenzen ein Moment der Unendlichkeit."

Elke Maier wurde 1965 in Bayern geboren. In München hat sie von 1986 bis 1993 Malerei und Grafik an der Akademie der Bildenden Künste studiert. Von 1993 bis 1996 absolvierte sie ebenfalls dort Staatsexamina für das Lehramt Kunsterziehung am Gymnasium. Ihre Ausstellungsbilanz weist seit 1989 kontinuierliche Präsentationen zunächst in Deutschland, seit 1997 auch in Österreich auf. Von 1996 bis 2016 hat sie an zahlreichen Land Art Projekten teilgenommen. 2003 erfolgte dann die Spezialisierung auf Interventionen in Kirchenräumen, u.a. in Graz im Rahmen des Europäischen Kulturhauptstadtjahres, in den Domen von Innsbruck (2005), Klagenfurt (2009), Wien (2014), im Neumünster Würzburg (2008), in der Kollegienkirche Salzburg (2010), in der Markuskirche Hannover (2017) und in der Moritzkirche Augsburg (2018). Aber auch in einem Schaukraftwerk am Wörther See hat sie 2008 eine Fadeninstallation realisiert. Seit 1996 lebt die Künstlerin in Gmünd / Kärnten und arbeitet im Atelier in Millstadt am See.

Die Präsentation von Elke Maier's LICHT.BLICK reiht sich ein in eine Folge von annähernd 40 Interventionen in der Kunstkirche Christ-König, die hier in den zurückliegenden neun Jahren kontinuierlich stattgefunden haben. Auch die aktuelle Arbeit ist explizit für diesen Ort entwickelt worden. Die Künstlerin hat eine formstarke und spannungsreiche Installation verwirklicht, deren Ausstrahlung auf der kalkulierten Wechselwirkung von Sakralraum und Kunstwerk beruht.

Grundsätzlich verbindet Kunst und Religion das polare Spannungsverhältnis von wahrnehmbarer Realität und nichtwahrnehmbarer Transzendenz. Exemplarisch manifestiert sich diese Gegenüberstellung im Kirchenraum von Christ-König. Während die Kunst sich auf die Alleingültigkeit des Sichtbaren konzentriert, steht ihr die transzendente Realität als dem Eigentlichen des Lebens und der Welt gegenüber. Elke Maier ist es mit ihrem Kunstwerk LICHT.BLICK gelungen, eine Symbiose von erfahrbarer Realität und transzendentaler Wirkung zu erzielen. Möge Ihnen die Betrachtung Raum zu eigenen Projektionen und Reflexionen eröffnen!

Dr. Elisabeth Kessler-Slotta 

Bochum, 30. März 2019