Jean-Pierre Barraud

Gedanken zu Elke Maiers künstlerischer Rauminstallation zum Reformationsjahr                           Stadtpfarrkirche St. Stephan, Lindau-Insel                                                                                            8. April bis 5. November 2017

Wer die Stephanskirche in Lindau betritt, erlebt einen neuen Raumeindruck. Die Seidenfäden der Künstlerin Elke Maier loten die Weite des Ortes neu aus. Es geht Ihr um die Sichtbarmachung des Unbegreiflichen.

Das Licht lässt ihr Kunstwerk nicht nur in neuem und anderen Licht erscheinen, sondern spielt mit der Wahrnehmung. Die Anschauung ihres Kunstwerkes öffnet den Betrachtern die Augen für die Wechselbeziehungen zwischen dem Außen und dem Innen. Es macht den Kircheninnenraum sichtbar und lebt gerade auch von der zeitweiligen Unsichtbarkeit.

Ihr Kunstwerk spielt mit der Anwesenheit und Abwesenheit dessen, was wir das Göttliche nennen.

Ihr Werk ist greifbar und ungreifbar zugleich. Letztlich ist es ein metaphysisches Ereignis. Eine poetische Raumbeschreibung, die beim Betrachter eine Transzendenzerfahrung ermöglicht. Es geht ihr darum, sich an die feinen Übergänge zwischen dem "gerade noch da" und dem "nicht mehr Wahrnehmbaren" heranzutasten. Die Seidenfäden haben etwas Flüchtiges und doch ist jeder einzelne Faden bewusst gesetzt. Da herrscht kein Chaos, sondern jeder Faden hat den Ort erhalten, an dem er am besten im Raum der Stephanskirche zur Entfaltung gelangt.

Ein Gedanke von Prof Dr. Gerhard Larcher, der Frau Maier bei ihrer Arbeit begleitet hat, war dieser: "Es handelt sich so nicht um eine punktuelle Intervention, sondern um eine Entwicklung des Werkes von Anfang an im kontinuierlichen Dialog mit dem Raum, wobei die Form des Kunstwerkes noch die prozessuale Bewegung der Arbeit erkennen lässt." Luther kommt dabei nicht vor. Reformation auch nicht und dennoch kann dieses Kunstwerk im Reformationsjahr 2017 durchaus mit Luther und Reformation in Verbindung gebracht werden. Es geht um die horizontalen und vertikalen Linien in unserem Leben, die sich kreuzen. Es geht um die Neuorientierung der Evangelischen Kirche, die offen bleiben möchte für das, worum es Martin Luther ging. Nämlich die staunende Begegnung mit Gott inmitten dieser Welt. So ermögliche das Kunstwerk eine ästhetische und sinnliche Begegnung mit dem unsichtbaren und doch vorhandenen Gott. Wir brauchen in der Kirche solche ästhetischen und sinnlichen Erfahrungsmomente, um die Kirche neu zu öffnen für die vielen Menschen, die die Kirchen aufsuchen. Elke Maier versetzt die Menschen in eine staunende Suchorientierung. So wie ein Gottesdienst etwas sichtbar macht, was nicht da ist und doch erfahrbar ist, so gelingt es Frau Maier, uns sehnsüchtig Ausschau halten zu lassen, nach dem, was erfahrbar, aber nicht von unseren Augen wahrnehmbar ist.

Leider konnte in der St. Stephankirche der Intension und optimal erarbeitete Präsentation von Frau Elke Maier aus verschiedenen Gründen nicht entsprochen werden. Am Tag der Vernissage war ihr optimal erarbeiteter Raumbezug mit Einbeziehung des Mittelganges noch erlebbar und wurde danach so verändert, wie man es jetzt erleben kann.

Kunst und Kirche, Kult und Kultur hängen auf's engste zusammen. Der Stephansgemeinde in Lindau ist darum ganz herzlich zu gratulieren, sich dem künstlerischen Prozess von Frau Maier für mehrere Monate, staunend, fragend und verwandelnd anzuvertrauen. Was hier in Lindau passiert, wird die Seh- und Denkgewohnheiten aufbrechen und somit nachhaltig wirken, auch dann wenn das Kunstwerk "zwischen uns" nicht mehr im Raum zu sehen sein wird.

Es würde mich sehr freuen, wenn dies der Auftakt zu einer jährlich wiederkehrenden Schau zeitgenössischen, künstlerischen Positionen in der St. Stephanskirche werden könnte. Frau Elke Maier war durch das sinnliche und ästhetische Moment ihrer prozessualen Arbeit, eine Ideal-besetzung, um den Boden dafür mit vorzubereiten. Ich wünsche Ihnen allen gute Gespräche und Inspirationen mit und über diese Raum-Installation von Elke Maier im Reformationsjahr 2017.

Pfarrer Jean-Pierre Barraud, Kunstbeauftragter im Kirchenkreis Augsburg und Schwaben​